Einleitung

Die Sagen entstammen aus dem handschriftlich gefertigten Band 1 "Ortsgeschichte und Kriegsgedenkbuch der Schulgemeinde Ritschka", angelegt am 1. August 1915 vom damaligen Oberlehrer aus Ritschka.

Ich möchte die in mühevoller Arbeit des Verfassers im Jahre 1915 zusammengetragenen Sagen aus der engeren Heimat um Rokitnitz den vielen Heimatfreunden zugänglich machen. Sicher werden sich einige Ältere an die Sagen, die in ihrer Kindheit erzählt wurden, erinnern. Ihre Kinder und Enkel werden sie vielleicht schmunzelnd zur Kenntnis nehmen.

Mit meinen Seiten möchte ich dazu beitragen, dass die vielen alten Sagen nicht ganz in Vergessenheit geraten. Sollten Sie ebenfalls im Besitz alter Sagen sein sein, können Sie mir diese gerne zur Veröffentlichung zusenden

Die Armesünderstraße

 Auf dem Gebirgskamm des Adlergebirges führt vom Ernestinenberge bis zum Hotzenberge ein Weg, der zwar schon stellenweise mit Gras und Moos bewachsen, aber noch ganz gut erkennbar ist. Diesen Weg nennt man Armesünderstraße und über die Entstehung dieses Namens erzählt uns die Sage folgendes:

Die Grafschaft Reichenau, der die Waldungen hier oben auf dem Gebirgskamm gehören, brauchten notwendig einen Holzabfuhrweg und verurteilte alle Holz- und Wilddiebe, an dem Baue dieser Straße zu arbeiten. Die Grafschaft hatte damals noch die Gerichtsbarkeit in den ihr zugehörigen Ortschaften. Da man solche Sträflinge gewöhnlich "arme Sünder" nannte, erhielt die Straße den Namen "Armesünderstraße". Ein grafschaftlicher Beamter, der diese Straßenarbeiter beaufsichtigte und auf einem Pferde hin- und her ritt soll die Leute bei der Arbeit beschimpft und mit der Reitpeitsche geschlagen haben, so daß sie ihn verwünschten und verfluchten.

Er fand nach dem Tode im Grabe keine Ruh und reitet nach dem Tode um Mitternacht ohne Kopf auf der Armesünderstraße umher und mancher will ihn schon gesehen haben.

Die Kapelle auf dem Ernestinenberge

 Den südlichen Ausläufer des böhmischen Kammes des Adlergebirges bildet der Ernestinenberg. Auf dem Gipfel des bewaldeten Berges ist ein großer freier Plan, von dem aus man ringsum eine schöne Aussicht nach Böhmen und in die Grafschaft Glatz genießt. Mitten auf dem freien Plane steht eine schöne steinerne Kapelle, welche einen Blitzableiter trägt und zum Schutze der Unbill der Wetter ganz mit Eisenplatten bedecket ist.  Die Kapelle ist der "hl. Mutter Anna" geweiht und über die Entstehung der Kapelle berichtet die Sage folgendes:

Die Wälder auf dem Ernestinenberge gehören der Grafschaft Rokitnitz. Eines Abends verirrte sich ein grafschaftlicher Jäger in den Waldungen und kam hier auf den Koppenplan. Da er ermüdet war setze er sich nieder und schlief dabei ein. Als er durch ein Geräusch erwachte, sah er nicht weit drei mit Ruß beschwärzte Männer sitzen. Er erschrak heftig, denn er glaubte, es wären Räuber. In seiner Angst flehte er zur hl. Mutter Anna  um Errettung aus der Gefahr dann rutschte er auf den Knien den Abhang geräuschlos hinab und zog sein Gewehr nach. Er entkam der Gefahr und ließ zum Danke hier oben eine hölzerne Kapelle erbauen zu Ehren der hl. Mutter Anna und diese Kapelle wurde später von der Grafschaft Rokitnitz im jetzigen Zustande hergestellt. Alljährlich findet in dieser Kapelle an "St. Anna" Tagen  ein Gottesdienst statt und Wallfahrer strömen an diesem Volksfeiertage von allen Seiten herbei.

Johnslehne und Johnskoppe

Einer der höchsten Gipfel des Adlergebirges ist bei Gr. Stiebnitz und Kronstadt die Johnkoppe und deren Abhang gegen Kronstadt heißt die Johnslehne. Über die Entstehung dieses Namens weiß die Sage folgendes zu berichten:

Vor sehr vielen Jahren lebte in Kronstadt ein armer Mann namens Flora Hans. Er wohnte in einem kleinen Häuschen, neben der Prausemühle und nährte sich von Almosen und von den Erträgnissen der Botengänge. Eines Tages fand man den Flora Hans erhängt in den Weiden der Prausemühle und seine Hütte war ausgeraubt. Man glaubte aber nicht, daß sich der Mann selbst erhängt habe und hielt einen Mann namens John für den Übeltäter, der den Flora Hans ermordet und dann in den Weiden aufgehängt habe. Dieser merkte den Verdacht, der sich gegen ihn lenkte und floh mit Weib und Kind  tief in die Waldungen, die sich auf dem Berge ausbreitet, der nach ihm den Namen führte.

Hier baute er sich eine Hütte und lebte abgeschieden mit den Seinigen. War der Mann schon früher in keinem guten Rufe, so führte er seinen bisherigen Lebenswandel weiter und nährte sich von Wilddiebstahl. Das Wild schoß er oder fing es in Schlingen und verkaufte es in die benachbarten Städte Habelschwert und Reichenau, wohin er es heimlich schaffte. Sein Weib soll sich beim Gras sammeln mit einer Schnur erhängt haben. Im 30-jährigen Kriege sollen schwedische Krieger hier durchgezogen sein und da soll John einige aus dem Hinterhalte erschossen haben . Man fand auch später beim Suchen nach Goldregen hier schwedische Münzen vergraben.

Die Strafe für seine Freveltaten erreichten endlich den John, denn seine Feinde lockten ihn eines Tages ins Tal hinunter und erhängten ihn an einer Birke bei der Prausemühle.

Judenwinkel und Judenfloß

Wenn man von Stiebnitz über Geiersgraben nach Kronstadt geht, so kommt man in eine Einsenkung des Gebirgskammes und diese heißt der "Judenwinkel" und der Bach, der in der Einsenkung herab fließt "Judenfloß". Über die Entstehung dieser Namen erzählt die Sage folgendes:

Eine Jude namens Froeschel aus Rokitnitz, der mit Federn handelte, ging an einem stürmischen Wintertage von Kronstadt nach Stiebnitz und kam auch in diese Einsenkung. Ermattet sank er am Wege nieder und erfror und der Schnee bedeckte seinen Leichnam. Lange Zeit wußte  man nicht, wo der Jude hingekommen sei. Als im folgenden Frühlinge der Schnee schmolz, fand man hier oben in der Einsenkung den Leichnam des Juden und in dem Bache lag ein Sack mit aufgeweichten Federn. Seit dieser Zeit heißt die Einsenkung der "Judenwinkel" und der Bach das "Judenfloß".

Das Bodenkreuz bei Gr. Stiebnitz

Geht man von Gr. Stiebnitz geradewegs bergauf nach Kronstadt, so kommt man im Walde zu einem hölzernen Kreuze, im Volksmunde "Bodenkreuz" genannt. Dort sollen der Sage nach 5 österreichische Reiter aus dem siebenjährigen Kriege begraben liegen. Einer von diesen soll im Grabe keine Ruhe finden und erscheint manchmal den Bauern und Pilze suchenden Leuten.

Einmal erschien er einer alten Frau, die Klaubholz sammelte. Um die Mittagszeit befand sich die Frau in der Nähe des Bodenkreuzes. Plötzlich hatte dieselbe das Gefühl, als ob jemand hinter ihr stünde. Sie wandte sich um und sah vor sich einen Krieger stehen. Er war angetan mit einem Waffenrocke, alten Tuchgamaschen mit gelben Riemen auf der Brust und einer hohen Mütze auf dem Kopfe. Der Krieger schaute die Frau stumm und mit bittenden Blicken an. Diese war aber vor Schreck wie gelähmt und konnte sich nicht rühren und auch nicht sprechen. Der seltsame Krieger ging näher zu ihr und sah sie nochmals mit einem bittenden und vorwurfsvollen Blick an. Diese hatte sich endlich von dem lähmenden Schreck erholt und sah sich nach dem Krieger um, der aber war verschwunden. Schnell raffte sie ihr Holzbünde auf und eilte damit Heim. Unterwegs fiel ihr ein, daß sie den Krieger hätte aufwecken und so die ruhelose Seele erlösen sollen. Sie kam später noch öfter auf diesen Platz, aber sah nie mehr den Krieger.

Die Teufelssteine bei Gr. Stiebnitz

Geht man von Kl. Stiebnitz über den Abeltberge nach Kunzendorf, so trifft man neben dem Wege mehrere große Felsblöcke, welche in einer Reihe liegen und Löcher aufweisen, als ob diese von den Gliedern einer Kette herrühren würden. Über diese Steine hat sich im Volksmunde folgende Sage erhalten:

Ein Müller in Gr. Stiebnitz, (?)müller genannt, hatte mit dem Teufel ein Bündnis geschlossen und war mit ihm eine Wette eingegangen. Der Teufel wollte eines Morgens von einem Hahnenschrei zum anderen das Tal der Stiebnitzer Löcher überbrücken. Eines Morgens machte er sich nach dem ersten Hahnenschrei an die Arbeit und trug auf dem Rücken mittelst Ketten ungeheuer große Steine herbei. Da wurde der Teufel bei seiner Arbeit überrascht und ließ die Steine dort niederfallen, wo man sie noch jetzt liegen sieht mit den angeblich von den Gliedern der Kette herrührenden Löchern - In Wirklichkeit wurden diese Löcher aber gebohrt, um die Steine zu sprengen.

Der Spuk in der Gabelmühle

Der obgenannte Müller, der in der Gabelmühle wohnte und ein Zauberbuch besaß. An einem Sonntage war der Müller mit den Seinigen in der Kirche und sein Müllerbursche allein zu hause. Da fand der neugierige Müllerbursche das Zauberbuch und las darin. Da kam ein schwarzer Rabe in die Stube geflogen und bei jedesmaligem Umblättern kam immer ein neuer Rabe zugeflogen, so daß die Tiere die Stube und das Mühlhaus füllten und alles auffraßen. Der Müllerbursche geriet in Angst und wußte sich keinen Rat. Zum Glück kam der Müller aus der Kirche. Dieser schüttete den Raben ein Achtel Hirse in die Jauchenpfütze und las schnell in dem Zauberbuche rückwärts. Da verschwanden ein Rabe nach dem anderen aus der Mühle.

Der Ziegenbock als Siegel

Eines Tages kam ein Handwerksbursche nach Kunzendorf und da es am Abend war, suchte er eine Herberge, um hier zu übernachten, konnte aber keine finden. Da ging er bei einem Bauernhofe vorüber und sah die Scheuer offen stehen. Er schlüpfte hinein und kroch auf einer Leiter hinauf auf den Balken,  ins Gebälk, und machte sich hier auf dem Stroh ein Lager zurecht. In der Nacht hörte er auf einmal das Scheunentor öffnen und den Bauern hereintreten. Er trug eine Laterne, eine Harke und eine Schaufel und schickte sich an, ein Loch in die Tenne zu machen. Als er damit fertig war, ging er hinaus und kam mit einer Schwinge voll Dukaten wieder, die er in das Loch schüttete. Da das Loch aber noch nicht voll war, ging der Bauer abermals mit der Schwinge hinaus, um Dukaten zu holen. Schnell kletterte der Bursche herab und füllte seine Mütze voll Dukaten, worauf er in sein Versteck zurück eilte. Bald kam der Bauer mit einer Pferdeschwinge voll Dukaten zurück und schüttete sie in das Loch und holte noch eine Schwinge. Wieder stieg der Bursche herab, um sich seine Mütze wieder mit Dukaten zu füllen und eilte wieder in sein Versteck zurück. Als der Bauer die dritte Schwinge mit Dukaten in das Loch entleert hatte, deckte er das Loch mit Erde zu und trat den Boden mit den Füßen fest. Hierauf holte er einen schwarzen Ziegenbock, stellte diesen auf die Stelle und rief:

"Satan, komm her, ich übergebe dir das Geld und wenn nicht einer mit einem schwarzen Ziegenbock kommt, gibst du dass Geld nicht her."

Dann verließ der Bauer mit dem Ziegenbock die Scheune. Frühzeitig machte sich der Bursche mit dem Gelde auf und davon, um nicht gesehen zu werden. Viele Jahre zog er in der Welt umher und lebte mit dem Gelde so lange lustig, bis es verbraucht war. Da dachte er daran, in jenes Dorf zurückzukehren, wo er damals übernachtet hatte. Als er hinkam, ging er auch in das betreffende Bauernhaus, wo er übernachtet gewesen. Der Bauer war gestorben und dessen Sohn hatte die Wirtschaft übernommen. Dieser klagte, daß es ihm so schlecht erginge und er kein Geld im Hause habe, um die notwendigen Ausgaben zu decken. Dabei sagen die Leute, daß sein Vater Geld im Hause vergraben habe. Der Bursche sagte zu dem jungen Bauer, er wolle ihn zu dem vergrabenen Geld verhelfen, wenn er ihm die Hälfte davon gebe. Er habe ein Ränzlein, das alles wisse und auch den Ort angeben könne, wo der Schatz vergraben liege, denn wer einen Schatz vergräbt, übergibt ihn dem Teufel und sagt dabei einen Spruch oder versiegelt den Platz mit einem Gegenstande. Wer den Spruch weiß oder den Gegenstand kannte, womit der Platz versiegelt ist, der kann den Schatz heben. Wenn also der junge Bauer dem Burschen die Hälfte des vergrabenen Schatzes geben wolle, werde er ihm dazu verhelfen. Der junge Bauer versprach es mit Handschlag, dem Burschen die Hälfte des Schatzes zu schenken, wenn er ihn finde. Der Bursche nahm sein Ränzel in die Hände, klopfte dreimal daran und hielt sein Ohr daran. Nach einer Weile sagte er zu dem jungen Bauer: "Hört Bauer, der Platz ist in eurem Hause, aber wir müssen einen schwarzen Ziegenbock haben". Der Bauer besorgte einen solchen und am Abend begaben sich der Bauer und der Bursche mit der Ziege in die Scheune. Der Bursche stellte den Ziegenbock an die Stelle, wo der Schatz vergraben war und sagte dann:

"Satan, komm her und gib mir den Schatz, weil ich mit dem schwarzen Ziegenbock als Siegel da stehe !"

In demselben Augenblicke flog der Ziegenbock mit solcher Gewalt an die gegenüber liegende Wand. daß das Blut in der Scheune herumspritzte und das arme Tier verwundet da lag. Der Schatz aber lag offen vor ihnen und beide teilten sich denselben.

Die Zwerge in den Erzlöchern

In früherer Zeit gruben manche Leute an einigen Stellen des Adlergebirges nach Gold und Silbererzen und man kann solche Erzlöcher noch heute sehen. Solche Erzlöcher findet man vor dem Adlergebirgskamm, wenn man von Gr. Stiebnitz über Widerdrieß nach Schwarzwasser und Neudorf geht. Auch ein Mann aus Gr. Stiebnitz namens "Komma Andreas" soll nach Golderzen gegraben haben und dabei sollen ihm kleine Männlein oder Zwerge geholfen haben. Nach seinem Tode aber waren sie verschwunden und ließen sich nicht mehr sehen. Doch soll man noch heute um die Mitternachtstunde in diesen Erzlöchern das Klopfen der Kobolde vernehmen. Und um Palmsonntage, wenn die Glocken zum Gottesdienste läuten, sind die aufgestellten Schätze der Zwerge für einige Minuten sichtbar. Wer das Glück hat, kann sich davon nehmen.

Die versunkene Stadt

Als die Slawen sich vom Awarenjoche befreit hatten, und ein großes slawisches Reich gegründet hatten, erbauten sie viele befestigte Städte. Eine solche Stadt war auf dem Kamm zwischen Gr. Stiebnitz und Kronstadt erbaut. Heute ist die Stelle von niedrigem Nadelholze bewachsen, sumpfig und mit Wassertümpeln stellenweise bedeckt. Kein Vogel singt hier oben und eine unheimliche Stille herrscht auf dem düsteren Erdenfleck. Nach einer Sage sollen die Bewohner dieser Stadt sehr wohlhabend gewesen sein, doch waren sie, trotzdem sie im Überfluß lebten, gegen die Mitmenschen gefühllos und hartherzig.

Diese schlimme Eigenschaft sollte auch den Untergang der Stadt herbei führen. Einst kam nämlich ein Mann, der nach Polen wanderte, durch diese Stadt und bat um Nachtherberge. Er wurde aber vor allen Türen abgewiesen und darüber erbittert prophezeite er der Stadt den Untergang und sagte, wenn er auf seinem Rückwege nach xxxxx hierher kommen werde, so werde er statt der blühenden Stadt hier nur einen Sumpf finden. Die Einwohner der Stadt spotteten ob dieser Rede und schwelgten im Übermaße weiter, ohne ihren Mitmenschen  (...) zu gönnen.

In einer Nacht brach das Verhängnis über die Stadt herein. Unter donnerähnlichem Krachen öffnete sich die Erde, die Stadt versank in die Tiefen, unterirdische Gewässer öffneten ihre Schleusen und vernichteten alles Lebende und alles von Menschenhand erzeugte. Bei herrschaftlichen Wegbauten wurden noch Überreste der ehemaligen Stadt gefunden; auch die Glocken wurden ausgegraben und eine davon soll sich noch in der Kirche zu Gr. Aurschim befinden.

Phoca - GAE

Joomla templates by a4joomla