Juden in Rokitnitz

 

(Aufgeschrieben von Rudolf Schmidt, einem Bruder des Buchbinders Schmidt aus Rokitnitz, der beruflich nach Aussig übersiedelte und nach der Vertreibung den Heimatkreis Aussig als Heimatkreisbetreuer bei der Sudetendeutschen Landsmannschaft vertrat.)

 

Um die Lebensverhältnisse der Juden in der Zeit der Ansiedlung in Rokitnitz (1680-85) zu verdeutlichen, weise ich auf die Beschreibung der damaligen Zustände, wie sie im „Kleinen Brockhaus“ niedergelegt sind, hin und zitiere einen Teil hiervon:

„In Deutschland treten die Juden zuerst zur Römerzeit auf. Als schreib- und lesekundig zunächst begünstigt, wurden sie später unter kirchlichem Einfluss einer „Judenordnung“ unterstellt. Grundbesitz und Wohnen auf dem Lande war ihnen verboten, so dass sie ausschließlich „Städter“ wurden. Dann wurden sie in Judenviertel verwiesen. Für den Aufenthalt auf dem Lande mussten sie ein hohes „Toleranzgeld“ zahlen. Das Verlassen des Gettos war nur mit besonderen Pässen, befristet und in besonderer Kleidung (Judenabzeichen „gelber Fleck“) gestattet. An den Stadt- und Landesgrenzen musste Leibzoll gezahlt werden. Die Gotteshäuser mussten schmucklos bleiben und in versteckten Winkeln stehen. Von Zeit zu Zeit wurden die Juden zu Bekehrungszwecken in die Kirche zur „Judenmesse“ geführt. „Christliche Gewerbe“ wurden ihnen verboten, nur der Trödelhandel und der Geldverleih gestattet. In Anbetracht der Rechtsunsicherheit erfolgte dieser zu hohen, behördlich festgesetzten Zinssätzen; dadurch wurden die Juden zu einer willkommenen Finanzquelle und 1176 zur kaiserlichen Kammer gehörig erklärt („Kammerknechte“). Besonders befähigte Juden wurden vom Kaiser mit Schutzbriefen versehen („Schutzjuden“) und von den Fürsten zur Führung ihrer Finanzgeschäfte, zur Organisation des Handels und der Industrie an den Hof gezogen („Hofjuden“). Die Kammerknechte wurden an Fürsten und Städte weiter verpachtet und von diesen zu erhöhter Handelstätigkeit und zu Geldgeschäften aller Art angehalten. Hierdurch wurden die Juden dann von ihrem vielfach ausgebeuteten Volke immer verhasster."

 

Zusammenfassend ergibt sich über die 300-jährige Anwesenheit der Juden in Rokitnitz folgendes Bild:

Die Ansiedlung 1680 – 1685 erfolgte in einer für die Juden schicksalhaften Zeit. Sie war gekennzeichnet durch die Nachwirkungen des Dreißigjährigen Krieges 1618-48 und die große Brandkatastrophe 1661, die fast das ganze Städtchen einäscherte. Erst noch unter sie bedrängenden Ausnahmegesetzen stehend, bis unter Josef II (1765-1790) erfolgten Gleichstellung, entwickelten sich die 8 Familien bis 35 Haushaltsständen.

 Da sie des Lesens und Schreibens kundig waren, religiös geeinigt, lebensstark und notgedrungen zusammen-haltend waren, besaßen sie bald fast uneingeschränkten Einfluss auf Handel und Geldverleih (es gab noch keine Sparkassen). Als jedoch so mancher Adlergebirgler ihre Geschäftsgebaren kennenlernte, unterstützt durch verbesserte Ausbildung und Fleiß, nagten sie nach und nach an der Existenzgrundlage ihrer beneideten Vorbilder. Die Gründung von Spar- und Darlehenskassen, von landwirtschaftlichen Vorschusskassen und Raiffeisenbanken erhielten die Darlehenswerber Gelder zu billigeren Zinssätzen geliehen, was den jüdischen Geldverleihern abträglich war.

 Hier und da entwickelte sich ein christliches Kolonialwarengeschäft, die Spirituosenerzeugung und der Schachtelhandel bekam Konkurrenz, der Getreide- und Viehhandel organisierte sich zu Genossenschaften, die Baumwolle verdrängte die Leinenerzeugung und den Flachshandel. So wurde auf natürliche Weise – gewiss nicht organisiert und mit Vorbedacht – der Einfluss der Juden eingedämmt. Die jüdische Jugend fand in der weiteren Welt bessere Fortkommensmöglichkeiten und so verfiel nach und nach die Kultusgemeinde, und Rokitnitz besaß bis kurz vor 1938 noch 2 Juden, die Witwe des verstorbenen Alois Elbogen und Mautner Adolf.

 Heute noch weist der umgebaute Judentempel und die verfallene Begräbnisstätte auf längst verflossene Zeit und auch diese zwei Merkmale werden nicht mehr lange Erinnerungszeichen sein, versunken und vergessen.

 Auch in einigen Dörfern des Gerichtsbezirks Rokitnitz waren einige Juden ansässig. So ist bekannt, dass sich in Großstiebnitz eine Familie Alois Reich durch Handel und Geschäftsbetrieb emporgearbeitet hatte. Sohn Max übernahm nebenbei das Postamt und eine Lottokolektur. Er erzeugte Stempel, besaß den staatlichen Tabakverkauf, verkaufte Lebensmittel, handelte mit Holzspanschachteln, Leder und schenkte Schnaps aus; die Post war in winzigen Räumen untergebracht. Der Pfarrer Jakubitschka zeigte ihn an und die Behörde verlangte entweder die Aufgabe der Privatbetriebe oder die des Postamtes; er erhängte sich und hinterließ 4 Kinder.

 Der Jude Jommek wohnte in Kleinstiebnitz. Als großer kräftiger und blondhaariger Mann – er führte eine gutgehende Greislerei mit Schnapsausschank - war er Veteranen-Kommandant, übersiedelte jedoch mit seinem Anhang nach Reichenau a.Kn., wo er ein Schnittwarengeschäft eröffnete.

 Die Jüdin Irma Ritter ließ sich taufen, war während des 1. Weltkrieges Krankenschwester und leitete den Marienverein. Da sie gut kochen konnte, war sie eine Zeit lang Köchin beim Pfarrer Wymethal. Sie erkrankte und starb als Morphinistin an Wundstarrkrampf um 1930.

In Bärnwald soll die jüd. Familie Schwenk und in Kronstadt die Fam. Freiwald Reichel ansässig gewesen sein.

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Hier fehlen einige Seiten des Manuskripts...... Es folgen nun weitere Beschreibungen der in Rokitnitz ansässig gewesenen Juden:

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..... Hühnerhaufen gefahren wäre. Ich lief die Gasse hinunter und bemerkte, dass einige schwarze Hühner schreiend sich an der Gassenseite kriechend fortschoben, bis sie liegen blieben. Sie kamen aus der Seitengasse, wo sie Munk geschächtet und von der Paulatsch (Balkon) aus dem 1. Stock hinunter geworfen hatte. Solche Quälereien erregten in der unmittelbaren Umgebung selbstverständlich Unzufriedenheit, am meisten bei Kindern.

Schächten wurde in späteren Jahren verboten. Trotzdem hatten wir ein gutes Verhältnis zu unseren jüdischen Mitschülern. Ich kann mich an keinen Streit erinnern. Wenn wir zu Ostern „Schmeckostern“  gingen, besuchten wir auch bekannte Judenfamilien, besonders, wenn wir für den Schulverein schmeckosterten.

 Viele Judenkinder besuchten in ihren letzten Schuljahren auswärtige – auch höhere – Schulen bei Verwandten und blieben dann ganz fort. Rückgang der jüdischen Bevölkerung des Städtchens war die Folge. Ein kleines Gedichtchen aus jener Zeit erinnert mich noch an den Schulkameraden Siegfried Abeles. Er muss ein Schiffsunglück erlebt haben und gerettet worden sein:

 

Wiegerl ist am Meer geschwommen

auf zwei Brettern, ´n ganzen Tag.

Hat dich nicht der Hai genommen?

Da der Hausen dich nicht mag.

Ist dir nicht der Wels begegnet,

der elektrische Schläge gibt?

Hat sich nicht das Brett beweget?

Hat dich nicht der Floh gezwickt?

 

Auch von den jüdischen Mädchen, weiß ich, dass sie sich mit ihren katholischen Mitschülerinnen gut vertrugen. Da waren einige, die den gleichen Vornamen Josefine hatten – kurz Finen genannt. Das war die Zimmer Fine (kath), die Borges Fine (jüd) und die Reich Fine (jüd.). Wir Jungen hänselten sie, indem wir sie scherzhaft: Fimmer Zine, Forges Bine und Feich Rine nannten. Wir freuten uns, wenn sie eine Schnute zogen.

 Allenthalben Mitleid erregte der tragische Tod der auf Besuch weilenden Jüdin Amalie Weiß aus Wien, die in Rokitnitz eine Tanzunterhaltung besuchte. Sie hatte einen damals noch seltenen Zahnersatz, der sich beim Tanzen löste und im Hals stecken blieb. Da man auf die Ursache der Atemnot nicht gleich verfiel, erstickte sie. Man kann sich die allgemeine Verwirrung vorstellen und auch das aufrichtige Mitgefühl des Städtchens.

 Die Elbogen Anni unterhielt sich gern mit uns Jungen, verstand Spaß und nahm sich schließlich einen katholischen Ehemann.

 Alois Elbogen betrieb im Hause Nr. 77 auf der unteren Seite des Ringplatzes ein Schnittwarengeschäft und übersiedelte 1906 ins Fingerhaus Nr. 8, da das Haus Nr. 77 der neuen Bahnhofstraße im Wege stand. Er stammte aus Senftenberg, wo sein Bruder bis 1938 ein Fleischergeschäft betrieb. Ein anderer Elbogen versuchte in Rokitnitz eine Konditorei zu eröffnen und zwar im Haus Nr. 80 in der Judagoasse (Niedergasse). Der Versuch misslang und dieser Elbogen verließ Rokitnitz.

 Im Haus Nr. 9, das dem Hutmacher Michalitschke gehörte, wohnte die jüdische Familie Reich, deren Sohn Moriz sich schriftstellerisch betätigte. Da er nicht gleich einen Verleger fand, legte er selbst Hand an sich und erhängte sich auf der „Hohen Wurzel“ auf einem Baum. Kurze Zeit darauf meldete sich ein Verleger. Moriz Reich liegt im unteren rechten Eck des Judenfriedhofes begraben.

 Bei meinem Besuch 1968 in der Tschechoslowakei zog es mich selbstverständlich auch nach Rokitnitz. Bei dieser Gelegenheit führte mich der Weg auch auf den Judenfriedhof. Die Einfassungsmauer an der unteren Seite verfallen, mit fast undurchdringlichem Strauchwerk verwachsen und mit einigen alten großen Fichtenbäumen bestanden, die noch aus der Zeit 1938 stammen dürften, arbeitete ich mich an verfallenen Grabhügeln und umgestürzten Grabdenkmälern vorbei bis zur Ruhestätte des Moriz Reich. Sein Denkmal ist fast ganz verschüttet von dem schon durch mehrere Jahrzehnte herabfallenden Laub und Geäst und durch undurchdringlichen Bewuchs. Mit den Händen grabend, konnte ich noch die gut erhaltene Beschriftung des Grabsteines freilegen und zum Teil – behindert durch die Abenddämmerung – auf einem Bild festhalten. Moritz Reich war ein heimatverbundener Schriftsteller. Mir ist nicht bekannt, dass der Fleischer Pöter Willi die Grabsteine des Judenfriedhofs zur Pflasterung seines Hofraumes verwendet hätte. Ich habe bei meinem Besuch 1968 noch viele Grabsteine, teilweise verschüttet und umgefallen, gesehen.

 Das vorletzte Haus an der linken Seite der Obergasse Nr. 35 gegen die Annakapelle zu gehörte um 1900 dem Kassierer der städt. Sparkasse Siegmund Riesner, der uneheliche Sohn der Jüdin Riesner und einem Christen aus Mitteldorf. Er ließ sich taufen und ehelichte eine Bauerntochter aus Oberdorf. Im Jahre 1903 veruntreute Riesner bei der Stadtsparkasse Rokitnitz 240.000 österr. Währung und wurde zu einer Kerkerstrafe verurteilt. Das Haus ging in den Besitz der Gutsherrschaft über. Sohn Hermann war ein ausgezeichneter Flügelhornbläser, der im Musikverein und bei Prozessionen eine wichtige Rolle spielte. Robert war Beamter in Bünn, ein guter Jugendfreund von mir; er fiel im 1. Weltkrieg. Die Hermine war eine tüchtige volksbewusste Lehrerin, die Anna war die Frau vom Nostiz´schen Gutsverwalter Hummel und Franz bewirtschaftete mit Erfolg in Mitteldorf einen beträchtlichen Grundbesitz.

 In Nr. 64 wohnten die beiden „Riesner Maidlan“, von denen eine die Mutter von Siegmund Riesner war.

 Das Haus Nr. 71 gehörte dem Schuhmacher Franz Kolbe. In der Stube auf den Ringplatz zu wohnte die Familie Pick, die einen Gänsehandel und Bettfedernverkauf inne hatte.

 Das Haus Nr. 77, von vorn gesehen dem Judentempel ähnlich gebaut, gehörte dem Juden Elias Reich, der darin eine Greislerei betrieb. Nach dem Tode desselben verzogen die Angehörigen; das Haus pachtete der Jude Franz Mannheimer als Tuchhändler und befasste sich auch mit Getreidehandel, jedoch ohne Erfolg. Sein Sohn war Eisenbahnbeamter bei der SNDVB (Südnorddeutsche Verbindungsbahn). Nach Mannheimer errichtete der Jude Alois Elbogen im Laden ein Schnittwarengeschäft. Das angrenzende Agnes-Gassel und der dazu neu gewonnene Platz durch den 1906 abgerissenen Hauses Nr. 77 schufen den Raum für die Bahnhofstraße. Die unter dem Bürgermeister Emanuel Mannel eröffnete Eisenbahn erschloss einen wichtigen Verkehrsweg zum Nutzen der Stadt und des Adlergebirges.

 Auch das Eckhaus zur Judengasse, Nr. 79, war ein Laubenhaus wie alle auf dem Stadtplatz sich befindlichen. Es gehörte dem Gustav Peuker, der darin einen Kaufladen besaß. Um 1880 ging es in den Besitz des Juden Josef Weiß über. Dieser riss es ab und erbaute an seiner Stelle ein steinernes modernes Eck-Einstockhaus. Der Besitzer wurde Eisenbahnbeamter und verließ Rokitnitz. Das Haus ging später in den Besitz des Postmeisters Vinzenz Jung über und dieser verlegte das Postamt aus der Hintergasse Nr. 170 auf den Stadtplatz. Ebenerdig, links vom Eingang, eröffnete – nachdem Rokitnitz ein Bezirksgericht erhielt – der Jude Dr. Julius Mendl eine Rechtsanwaltskanzlei. Mendrla, wie ihn der Volksmund nannte, war von kleiner Gestalt und machte keine ansehnliche Figur. Er war ein tüchtiger Advokat und wurde gern in Anspruch genommen. Er war Junggeselle und pflegte keine Gesellschaft. Wahrscheinlich vereinsamt und zerrüttet endete er durch Selbstmord.

 Das Haus Nr. 97 war um 1806 im Besitz des Seifensieders Kiesel und nach dessen Tode im Besitz seiner Witwe. Diese verkaufte es dem Juden Josef Borges. Dieser war ein tüchtiger Geschäftsmann im Geldverleih zu hohen Zinsen und genoss ein beträchtliches Ansehen, so dass ihn die Bevölkerung 1864 zum Bürgermeister wählte. Am 11.01.1879 brannten die beiden Häuser 97 und 98 nieder und Borges baute das Haus Nr. 97 als steinernes, einstöckiges wieder auf. Borges war auch eine zeitlang zur Hälfte Besitzer der Bauernwirtschaft „die Spitz“, während die andere Hälfte das Geschwisterpaar Netolitzky inne hatte. Borges verkaufte seine Hälfte dem Bauern Anton Titz. Im neuen Hause Nr. 97 wurde vom Sohne Josef Borges Gemischtwarenhadel und die Lottokolkektur geführt. Eine traurige Berühmtheit erlangte Rokitnitz durch den anderen Sohn Emanuel (Borges Mane) , auch Graf Borgese genannt. Er war einer der größten Hochstapler der damaligen Zeit (um 1880). Er trieb sein Unwesen in vielen Ländern, wie Italien, der Schweiz, Frankreich, England, Amerika und Deutschland. Er hatte es vor allem auf reiche heiratslustige Damen abgesehen, die er unter verschiedenen Namen ehelichte und um ihr Vermögen betrog. Diese seine Untaten büßte er mit insgesamt 35 Jahren Kerker, natürlich kam überall sein Geburtsort Rokitnitz in die Strafakten.

 Von den Erben des Josef Borges d. Jüngeren, Felix, Georg (Schorsch), Josef (Pepr) und Josefine (Fini) kaufte wegen nationaler Gefährdung Dr. Emil Wanitschke für seinen Sohn Dr. Rudolf Wanitschke die Häuser 97 und 96. Das baufällige Holzhaus Nr. 96, in dem sich eine Zeit lang der Kindergarten befand, wurde abgerissen. Dr. Rudolf Wanitschke übte im Haus Nr. 97 seine Arztpraxis aus bis zu seiner bestialischen Ermordung am 25.5.1945 in Hammerdorf an der Straße gegenüber vom Gasthaus Müller.

 Das Haus Nr. 98, das nach 1800 dem Bruder des Josef Kiesel, dem Schneider Franz Kiesel gehörte, ging im Jahre 1845 mit den Feldern und Wirtschaftsgebäuden an den Bauern und Pächter Filip über. Nach ihm kaufte den Besitz der Bauer Klemens Nutz, ein eifriger Imker und eine Zeit lang Bürgermeister. Am 11.1.1879 brannte das Anwesen nieder, wobei eine Magd den Tod in den Flammen fand. Nutz baute das Haus als steinernes ebenerdiges wieder auf mit landwirtschaftlichen Nebengebäuden. In diesem Hause betrieb der Jude Nettel einen Schnittwarenhandel. Nettel spielte gern Karten und wollte immer Gewinner sein. Wenn er beim Spiel kein Glück hatte, warf er die Karten aus Jähzorn auf den Tisch, zahlte und verschwand. Dadurch entstand das Sprüchlein: „Geht´s Spielchen nicht, geht Nettel.“

 Nutz verkaufte unter allgemeiner Entrüstung das Anwesen dem berüchtigten Tschechen L. Langr aus der Zigeunermühle im Niederdorf bzw. Kunwald, einem Sacharin- und Pferdepascher, als Zigeunerbaron oder Zuckerbaron bekannt. Nach dem 1. Weltkrieg kehrte er als General aus Russland zurück und verkaufte das Haus dem jüdischen Kaufmann Beran aus Reichenau a./Kn. Dieser vererbte es seiner Nichte Olga Holzer, die den Schnittwarenhandel von Nettel weiterführte. Sie heiratete den Christen und Schneider Karl Kamler, der ihn nach ihrem Tode bis zur Vertreibung weiter führte.

 Das Haus Nr. 157, ein steinernes einstöckiges Gebäude in der Judengasse, gehörte dem Juden Filip Kaim, der darin einen Schnapsausschank betrieb, die Kaimkneipe. Als Mieter wohnte noch der jüdische Schächter (Koscherer) Munk darin und einige Zeit der jüdische Lehrer Abeles. Kaim verkaufte 1910 das Haus dem Rudolf Exner aus Bärnwald. Nach einiger Zeit erwarb es der aus Hohenerlitz stammende Franz Volkmer, der dort die Erzeugung und den Handel mit Spirituosen betrieb. Volkmer kaufte auch von der jüdischen Kultusgemeinde den nicht mehr in Verwendung stehenden, jedoch seinem Haus anschließenden Judentempel, Nr. 95 an. Die Judengemeinde verfiel. Tora und andere wertvolle Gegenstände wurden 1916 an jüdische Flüchtlinge aus Polen verkauft.

 Den Judentempel habe ich noch seit früher Kindheit in Erinnerung. Schon als kleiner Hosenmatz bestaunte ich die großen Fenster, wenn wir Kindergartenkinder im angrenzenden Garten des Kindergartens spielten, ohne jedoch zur Kenntnis genommen zu haben, dass es die Gebetsstätte der Juden war. Erst als wir 1898 in die Judengasse übersiedelten, hatten wir den Tempel vor unseren Fenstern. Es war ein stattlicher Bau, der mit seiner zackigen Fronseite Eindruck machte. Den schmiedeeisernen Vorzaun durchbrach der Stiegenaufgang, flankiert von 2 hohen auf eisernen Säulen getragenen Laternen. Der kleine Vorgarten war grüner Rasen. Volkmer machte aus dem Tempel ein Magazin und baute darin für seine Mutter im 1. Stock eine Wohnung aus. Der Judenfriedhof, der noch in den zwanziger Jahren eine Drahteinzäunung erhielt, verfiel, von Strauchwerk und hohem Fichtenbestand überwuchert.

 Das Haus Nr. 158 gehörte dem jüdischen Lehrer Wilhelm Abeles, der vor 1869 an der Judenschule unterrichtete. 1869 wurde in Österreich das Reichsvolksschulgesetz erlassen, nach dem alle Schüler eines Ortes in einer gemeinsamen Schule erfasst wurden. Die Judenschule wurde aufgelassen und Abeles als Lehrer an der gemeinsamen Schule übernommen. Er war von ausnahmsweise kleiner Statur und unterrichtete nur die Kleinen der ersten drei Schuljahre. Auch ich hatte ihn 3 Jahre als Lehrer. Nur ein unangenehmes Erlebnis blieb bis heute noch haften. Ich ging in die 2. Klasse und der Lehrer Abeles übergab mir einen Stoß Schreibhefte zur Verteilung für die nächste Unterrichtsstunde und verließ das Klassenzimmer. Aus Versehen vergriff er sich und übergab mir mit den Heften einen Stoß mit Zeichenvorlagen, die unter den Heften im Schrank lagen. Als die Hefte verteilt waren, wusste ich nicht, was ich mit den Vorlagen anfangen sollte. Von den Schülern wollte jeder so ein Blatt haben und ich entschloss mich, auch diese zu verteilen. Sie gingen reißend weg. Erst nach einigen Tagen wurde der Verlust bemerkt und die Sache flog auf und blieb an mir hängen. Trotz des Aufklärens erhielt ich die Sittennote 2, die schlechteste Sittennote, die damals gegeben wurde. Die Schande war für mich so groß, dass ich nicht mehr in die Schule gehen wollte. Meine Brüder mussten mich eine Zeit lang bis zur Klassentür führen und ins Lehrzimmer stecken. Er musste seinen Missgriff eingesehen haben und behandelte mich sehr zuvorkommend, so dass der Vorfall bald und durch Zuspruch der Mutter überbrückt wurde.

Lehrer Abeles hatte 5 Kinder, von denen keines in Rokitnitz verblieb (Dr. Rudolf, Siegfried, Leo, Rosa, Elsa). Von Siegerl (Siegfried), der ein Erlebnis auf dem Meer hatte, kursierte unter uns Kindern ein Gedichtchen, dessen Beginn lautete: Siegerl ist am Meer geschwommen...

 Von Abeles kaufte das Haus Frau Veith, die Erbin einer großen Nachlassenschaft des Wiener Arztes Dr. med. Hanisch. Die letzte Besitzerin war die Witwe nach dem im 1. Weltkrieg gefallenen Heinrich Veit, Geschäftsführer und Destillateur bei der Firma Josef Mautner (Mautner Pepsch).

 Das Haus Nr. 160 besaß der Jude Ehrlich, dem auch das Nebenhaus Nr. 161 gehörte. Das erstere diente als Wohnhaus, während das andere als Magazin der Firma Ehrlich und Schwelb für im Adlergebirge erzeugte Spanschachteln verwendet wurde. Nach dem Ausscheiden des Gesellschafters Schwelb hieß die Firma Ehrlich und Mautner, E.u.M. Da nach Mautners Tod 1915 sich die Firma Ehrlich und Mautner auflöste und der einzige Nachkomme der Familie Ehrlich zu den Waffen gerufen wurde, kam zwar Ehrlich Franz schwerverwundet (Kopfverletzung und an einem Auge blind) heim, verbummelte als Junggeselle und starb.

 Von Ehrlichs Erben kaufe beide Häuser der Bäckermeister Heinrich Rotter und richtete einen Bäckerbetrieb und eine Greislerei ein.

 Der Spirituosen-Erzeuger Mautner David war im Besitz des Hauses Nr. 162 in der Judengasse und nach ihm sein Sohn Mautner Josef (Pepsch). Nach dessen freiwilligem Tod (Sparkassen-Angelegenheit 1915) übernahm das Anwesen sein Bruder David und nach diesem sein Sohn Adolf Mautner das Haus Nr. 162 und das Spiritusgeschäft Nr. 8 bis Ende 1938. 1939 kaufte das Haus Nr. 162 der Schuhmacher und Oberteilzuschneider Friedrich Dohnalek aus Kronstadt und behielt es bis zur Vertreibung.

 Das auf der anderen Seite der „Judagoasse“ gelegene einstöckige Steinhaus Nr. 163 erbaute wahrscheinlich der Jude Weiß (Kaschla genannt). Er kaufte Häute und handelte mit Fellen, Leder und Sämereien. Seine lahme Tochter Mathilde (Kaschla Tilde) war seine Erbin. Noch wir Kinder trugen manches Kaninchenfell hin und bekamen 1 – 2 Kreuzer, was uns natürlich viel zu wenig erschien, weshalb wir unsere „Geschäftsverbindung“ kündigten. Nach ihrem Tode erstand das Haus der Schachtelhändler Fiedler aus Ritschka, der es umbaute und nach dessen Ableben erbte es seine Frau Marie Fiedler, geb. Richling aus Batzdorf, die als Beamtin bei der Post beschäftigt war.

 Das große schöne Einstockhaus Nr. 164 gehörte dem Juden Filipp Weiß. Die städt. Sparkasse von Rokitnitz erwarb es und richtete dort ihre Geschäftsräume ein. Als das Steueramt aus den unteren Räumen des Gemeindehauses (auf dem Christenplatz) in den 1. Stock umzog, übersiedelte die Sparkasse in die unteren Räume. Das Haus Nr. 164 übernahm der Lederhändler Franz Prause aus der Hintergasse Nr. 16.

 

Phoca - GAE

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