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Erlebnisbericht von Ehrentraud Grunewald

 

 Wir waren eine zehnköpfige Familie und in den dreißiger-Jahren ging es uns unter der damaligen Herrschaft der National-Tschechen wirklich schlecht. Es war ein Kampf um das tägliche Brot. Erst 1938, nach dem „Anschluss ans Reich“ und der Kindergeldgewährung im „Dritten Reich“ ging es uns bedeutend besser. Doch das Glück währte nicht lang, da mit dem Ausbruch des 2. Weltkrieges alles wieder anders wurde. Mein Mann wurde zur Wehrmacht einberufen und ich erwartete ein Kind.

 Mit dem Zusammenbruch des „Dritten Reiches“ war unser Schicksal besiegelt.

Bereits am Dienstag, den 5. Juni 1945 wurden wir aus unserer Heimat vertrieben. Am Morgen dieses Tages kamen und 5:30 Uhr die Partisanen und forderten, dass wir bis 6:00 Uhr die Wohnung verlassen müssten. Gepäck nur, was wir tragen können. Am befohlenen Sammelplatz am Bahnhof mussten wir dann bis nachmittags 14 Uhr bei praller Sonne warten. Zwischendurch wurden wir kontrolliert und uns die besten Sachen abgenommen. Zum Glück hatten wir etwas Brot und zum Trinken dabei.

 Zu „Fuß“ ging es dann über die Gebirgshöhe in Richtung schlesische Grenze, eskortiert von schwer bewaffneten Partisanen. Unser weniges Hab und Gut hatten wir auf einem kleinen Handwagen. Tante Anna (Barvinek) war gehbehindert und wurde auf einem Leiterwagen mitgezogen. Während des Marsches wurden die Wehrlosen, nur Frauen, Kinder und alte Männer mit Reitpeitschen traktiert. Gegen Abend waren wir in Schlesien, wo wir bei bereitwilligen Bauern eine Unterkunft und etwas zu essen bekamen.

 Da wir Verwandte in Schlesien hatten, versuchten wir zu diesen zu kommen. Bruder Dolfi (Rudolf) lernte dort bereits bei einem Bäcker. Wir arbeiteten bei dortigen Bauern für das tägliche Brot. Hier ereilte mich ein schwerer Schicksalsschlag. Tochter Norchen, kaum ein Jahr alt, verstarb plötzlich. Sie wurde auf dem Friedhof in Mittelsteine beerdigt. Ihr Vater fiel als Soldat einen Tag vor ihrer Geburt in Estland. Bruder Manfred erkrankte an einem schweren Kopftyphus und mit Gottes Hilfe überstand er diese Krankheit, da keinerlei ärztliche Hilfe vorhanden war.

 Öfters fanden Plünderungen statt. Wir beteten sehr oft den „Rosenkranz“, um vor Plünderungen und Vergewaltigungen verschont zu bleiben. Die erste Weihnachten, eigentlich sehr nah aber doch so fern, war schwer. Wir wussten nicht, wo sich die in die Wehrmacht eingezogen Brüder Karl und Günther, Bruder Egon fiel 1942 in Russland, befinden und ob sie noch am Leben sind.

 Im Oktober 1946 wurden wir in Viehwaggons in die damalige Ostzone abgeschoben. Dort, in Ammendorf bei Halle, gab es dann mit allen noch lebenden Familienangehörigen, auch mit den Brüdern, durch viel Zufall ein Wiedersehen.

 

Quelle:  Ehrentraud Grunewald, geb. Wytopil, Jahrgang 1922, aus Löbejün bei Halle, bis zur Vertreibung in Rokitnitz wohnend.

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