EIS MACHEN in Rokitnitz

von Ortwin Pöter*

 

Die Älteren unter uns werden es noch wissen oder sich beim Lesen der Überschrift darauf besinnen; die Jüngeren aber können nichts damit anfangen: Es handelt sich nämlich um die Gewinnung von Natur-Eis aus einem Teich zum Kühlen von Lebensmitteln.

Die Winter bei uns im Adlergebirge konnten oft sehr kalt sein und so bildete sich auf stehenden Gewässern mitunter eine starke Eisschicht. Wann unsere Altvorderen auf die Idee kamen, dieses Naturprodukt für die Haltbarmachung von Esswaren zu verwenden, ist mir nicht bekannt.

Kam im Winter die geeignete Zeit zum „Eismachen“, so wurden die Vorbereitungen für das Werk getätigt: Kräftige Männer führten diese Schwerstarbeit durch. Sie brachten allerlei Werkzeuge und Geräte zum Teich wie Äxte, Stangen mit eiserner Spitze und Haken, Brechstangen und wohl auch große Fuchsschwanzsägen, Schneeschieber, Ketten und Seile. Das Eis sollte ca. 20 cm dick sein. Erst wurde etwa vorhandener Schnee von der zu bearbeitenden Stelle beiseite geschoben. Dann hackten die Leute mehrere Löcher durch die Eisschicht. Es sollten Eisplatten von schätzungsweise 1,5 bis 2 m Kantenlänge entstehen. Von den Löchern aus schlug man Rinnen oder versuchte es mit einer Säge. Waren zwei Rinnen breit genug, so kamen Brechstangen zum Einsatz. War die Platte losgebrochen, so bugsierten die Männer sie auf die Eisfläche und befestigten daran eine Kette oder ein Seil. Ein Pferd zog dann die Platte über die Böschung auf eine Lagerstätte vor dem Damm.

Uns Kindern war es strengstens verboten, beim „Eismachen“ die Gegend am Badeteich aufzusuchen. Von Ferne, also z.B. beim „Langer Kreuz“ im „Braatmiehlgassla“ konnten wir schon mal zusehen. Hauptsächlich waren die Kinder ja zur Schule.

Strengstens verboten blieb es, die Eisfläche nach dem Eismachen zu betreten. Schließlich konnte es Tage dauern, bis die Löcher im Eis wieder mit einer tragfähigen Eisschicht zugefroren waren.

Ganz tüchtig verboten wurde das Betreten des Teichgeländes, nachdem Schnee gefallen war und dieser die noch nicht zugefrorenen Löcher bedeckte. Wenn jemand durch das dünne Eis fiel, galt er als verloren – wenn nicht zufällig Hilfe nahte.

Am Ufer stapelten sich nun die Platten. Soweit ich mich erinnern kann, transportierte sie ein Pferdeschlitten zu den Kühlräumen der Abnehmer, z.B. zum „Schwarzen Adler“ oder der „Herrschaftlichen Brauerei“, auch zum Gasthaus „Zur Goldenen Börse“.

Einen „Eiskasten“ konnte ich als Kind in der Scheune dieses Lokals besichtigen – im Sommer, als er leer war und die zwei Flügeltüren offen standen. Das Ganze war eine große, etwa quadratische Kiste von fast 3 m Seitenlänge. Die Seiten, Decke und Boden waren doppelwandig, ca. 25 bis 30 cm dick, aus breiten Tannenbrettern dicht gefügt und der Zwischenraum vermutlich mit getrocknetem Tannenholz-Sägemehl vollgestopft zwecks Isolierung, die zweiflügelige Tür in gleicher Bauweise. Der Boden dürfte mit Blech versehen gewesen sein und vermutlich hatte der Abfluss für das Schmelzwasser.

Durch die großen Türen ließen sich die Eisplatten gut einbringen und zu einem Stapel aufschichten. Ob eine Lüftung bestand, kann ich nicht beantworten. So halfen sich die Menschen damals.

Eine gewisse Zeit später sah ich auf einem Schlitten vierkantige Kunsteisstangen, die somit die Natureis-Gewinnung ersetzten. Diese Stangen, wohl 1 m lang und ca. 25 x 25 cm im Geviert, waren von einem Mann ohne Schwierigkeiten an Ort und Stelle zu befördern. Die moderne Technik damals hatte eine alte Tradition überholt.

Dieser Beitrag sollte an die alten Methoden und Praktiken in unserer früheren Heimat erinnern und wie die Menschen sich – unter harten Bedingungen – zu helfen wussten.

 

*Lm. Ortwin Pöter (Jahrgang 1930) stammt aus Rokitnitz im Adlergebirge, Nr. 72, wohnhaft in Enningerlohe.

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